1.6. Der Gott des Alten und des neuen Testamentes
Die Ansicht, ein eifersüchtiger, zürnender, strenger und bestrafender Gott im Alten Testament stünde dem Gott der Liebe im Neuen Testament entgegen, wird immer wieder vorgebracht. Als erster Eindruck ist das auch schwer von der Hand zu weisen, doch wenn man genauer liest fällt auf, dass sich biblische Texte sich auf der reinen Erzählebene oft nur teilweise erschliessen.
So ist die Bibel in erster Linie eine Sammlung sehr unterschiedlicher Geschichten über den Weg Gottes mit seinem Volk:
- Zu Beginn steht der Weg der Schöpfung von Himmel, Erde, Pflanzen Tieren und Menschen
- dann folgt der Weg der Berufung (Abrahams)
- der Weg der Berfeiung (Mose)
- der Weg der Behauptung (Josua und Richter)
- ein Weg der Bewährung und des Scheiterns (vor allem in der Königsgeschichte nach David)
- en Weg der Erniedrigung und des Elends (im Exil)
- ein Weg der immer tieferen Erkenntnis göttlichen Willens durch die Propheten
- ein Weg der Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie (Hiob, Kohelet, Sprichwörter, Weisheit, Jesus Sirach)
- ein Weg von Schuld und Gnade (bei den „kleinen Propheten“)
- bis im Hohenlied zum Weg der Erkenntnis des Gottes der Liebe, wie er schliesslich im Neuen Testament erscheint.
Dabei sind die Autoren der Geschichten stets Menschen ihrer Zeit, die ihre Erfahrungen mit Gott niederschreiben. Im Laufe der fortschreitenden Erzählungen ergibt sich so ein immer deutlicher werdendes Gottesbild, das uns heute zwar in einzelnen Darstellungen brutal und unmenschlich vorkommen mag, das aber in erster Linie die Gotteserfahrungen der Autoren in ihrer Zeit wiedergibt und keine detailierte Beschreibung der "Psyche Gottes" im modernen Sinne sein will.
Beachtet man den zeitlichen Kontext und die Adressaten der Texte, bemerkt man, dass derartige Beschreibungen aus moralischer Sicht ihrer Zeit meist weit voraus waren und unserem modernen christlichen Verständnis, dass hinter all dem Elend und Leid in der Welt einen liebendem Gott sieht, den Weg bereitet haben. Dabei sollte man nicht übersehen, dass es für die frühen Völker keineswegs selbstverständlich gewesen ist, aus der ihnen meist feindlich gesonnenen Natur, aus den Ungerechtigkeiten und Brutalitäten die sie täglich erlebten, auf einen Gott der Liebe zu schliessen. Die überlieferten Göttervorstellung der Nachbarn Israels sprechen da eine ganz andere Sprache ... 
