1.5.1. Darf man sich ein Bild von Gott machen?
Die Frage, ob man bildhafte Darstellungen Gottes anfertigen und nutzen darf, wurde in der Geschichte des Christentums mehrfach heiss und innig diskutiert, da es in der Bibel explizite Bilderverbote gibt:
- "Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde." (Ex 20,4)
- Nehmt euch um eures Lebens willen gut in Acht! Denn eine Gestalt habt ihr an dem Tag, als der Herr am Horeb mitten aus dem Feuer zu euch sprach, nicht gesehen. Lauft nicht in euer Verderben und macht euch kein Gottesbildnis, das irgendetwas darstellt, keine Statue, kein Abbild eines männlichen oder weiblichen Wesens, kein Abbild irgendeines Tiers, das auf der Erde lebt, kein Abbild irgendeines gefiederten Vogels, der am Himmel fliegt,kein Abbild irgendeines Tiers, das am Boden kriecht, und kein Abbild irgendeines Meerestieres im Wasser unter der Erde. Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze Himmelsheer siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann lass dich nicht verführen! Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. (Dtn. 4,15-19)
- Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. (Dtn. 5,8-9)
- Bedrückt durch allzu frühe Trauer ließ ein Vater von seinem Kind, das gar schnell hinweggerafft wurde, ein Bildnis machen; so ehrte er einen toten Menschen als Gott und führte bei seinen Leuten geheime Kulte und festliche Bräuche ein. Im Lauf der Zeit verfestigte sich die frevelhafte Sitte und wurde schließlich als Gesetz befolgt; die Standbilder erhielten auf Anordnung der Herrscher göttliche Verehrung. Konnten die Menschen einen König nicht unmittelbar ehren, weil er weit weg wohnte, dann vergegenwärtigten sie den Fernen; sie machten von dem verehrten König ein Bildnis, das allen sichtbar war, um dem Abwesenden, als ob er gegenwärtig wäre, mit Eifer zu huldigen. Der Ehrgeiz des Künstlers führte dazu, dass auch jene, die den König gar nicht kannten, ihm göttliche Verehrung erwiesen. Wohl um dem Herrscher zu gefallen, bot er seine ganze Kunst auf, um ihn schöner darzustellen, als er war. Von der Anmut des Bildes hingerissen, betete die Menge den, der noch kurz zuvor nur als Mensch geehrt wurde, jetzt wie einen Gott an. Der Welt ist dies zum Verhängnis geworden: Die Menschen haben, unter dem Druck von Unglück oder Herrschermacht, Stein und Holz den Namen beigelegt, der mit niemand geteilt werden kann. (Weish 14,15-22)
Beim Lesen der Textstellen, insbesondere dem Ausschnitt aus dem Buch der Weisheit (einer anschauliche Erklärung für das Bilderverbot) fällt auf, dass es dort vor allem um die Gefahr geht, im Bild einen Götzen anzubeten. Bilder vermitteln einen starken visuellen Eindruck der Nähe des Abgebildeten und Menschen hängen leicht an Bildern, so dass beispielsweise Götterstatuen in der Antike dem abgebildeten Gott gleichgestellt waren: beschädigte man eine Statue, so verletzte man der Vorstellung nach den dargestellten Gott.
In diesem Sinne sind Christusdarstellungen, Symbole und Bilder für den Hl. Geist oder auch für Gottvater in der katholischen Kirche nicht zu verstehen. Ein Bild kann als Zeiger auf den Abgebildeten gesehen werden, nicht aber im Sinne einer Identität. Wer ein Kreuz zerstört, ein Deckengemälde einer Kirche oder ein Fenster mit Abbildungen der Heiligen oder der Trinität, berührt den Abgebildeten damit nicht, ebensowenig zeigen Beschwörungen von Bildnissen die gewünschte Wirkung.
Die Warnung des Alten Testamentes, nicht ins Verderben zu laufen, bezieht sich auf Praktiken und Anschauungen, die dazu führen, am Gegenständlichen zu kleben und sich zu binden. Abbildung der Natur, der Menschen oder des Göttlichen als Kunstwerke hingegen, die den lebendigen Gott preisen und ihn nicht in eine enge, von Menschen geschaffene Form zwängten, werden in der Tradition der katholischen Kirche seit je als Hinführung an das Heilsgeschehen und Ausdruck frommer Christusnachfolge geschätzt, die eine liebende Vereinigung sucht und keine Beschwörung.
1.5.2. Was ist unter einem "lebendigen Gott" zu verstehen?
Die Götzen der Heiden sind nur Silber und Gold, ein Machwerk von Menschenhand.
Sie haben einen Mund und reden nicht, Augen und sehen nicht;
sie haben Ohren und hören nicht; auch ist kein Hauch in ihrem Mund.
(Ps 135,15-17)
Wenn wir hier unseren modernen naturwissenschaftlichen Begriff vom Leben anwenden, werden wir nicht weit kommen. Zwar hat Jesus nach christlicher Überzeugung historisch auf dieser Welt als Gott gelebt, doch spielen die Aussagen im AT auf keine Reproduktionsfähigkeit oder gar einen Stoffwechsel im biologischen Sinne an.
Gemeint ist, dass der Gott der Juden und Christen die persönliche Begegnung zu den Menschen sucht, dass er reagiert und erfahrbar ist. Er ist kein bloßes Abbild, sondern er begleitet, geleitet und beschützt die Menschen. Er verbündet sich mit uns und schickt uns zur Erlösung den eigenen Sohn.
Seine Liebe ist im wahrsten Sinne des Wortes lebendig: sie gebiert, schäumt über und verschenkt sich, sie steckt uns an durch ihren Atem so dass auch wir zur Liebe fähig und in Vollendung lebendig werden.
Traditionell stellen Juden, Christen und Muslime ihren Gott männlich dar, auch wenn moderne Theologen mehr und mehr auf weibliche Züge hinweisen oder gar den Heiligen Geist als weibliche Erscheinungsform auffassen. Dabei ist es im Grunde klar, dass ein allmächtiger Gott, Schöpfer unseres gesamten Daseins, nicht in derartige Kategorien gepresst werden kann. Seine wahre Natur muss jenseits aller Geschlechtlichkeit liegen, doch warum hält sich die Fixierung auf eine männliche Gottesvorstellung als Vater, als Sohn oder als Herr der Heerscharen?
Eine Antwort darauf wird ersichtlich, wenn man sich vor Augen führt, wie stark unser Gottesbild mit unserem Weltbild zusammen hängt. Wir interpretieren die Welt ebenso wie den Schöpfer nicht aus der göttlichen Perspektive, sondern subjektiv. Die vermeintliche Männlichkeit Gottes ist darum vor allem aus dem Blickwinkel unserer eigenen Geschlechtlichkeit zu verstehen.
Der maskuline Gott in christlichen Darstellungen zeigt folglich in erster Linie unser Verständnis von Gott, der die Welt erschaffen hat und sein Volk durch die Zeit führt. Dennoch würde eine Verschiebung der Darstellungen zu mehr weiblichen Elementen, oder ein völliger Verzicht auf geschlechtliche Darstellung im Blick auf die Übergeschlechtlichkeit Gottes Grundaussagen des Glaubens ändern, so dass man ab einer bestimmten Grenze konsequent von einer anderen (neuen) Religion sprechen müsste.
Zum Einen würde das Fehlen der geschlechtlichen Benennung nämlich zu mehr Distanz führen. Ein persönlicher Gott ist dann kaum mehr vorstellbar und das Gottesbild würde eher und zu einem Deismus oder gar Atheismus tendieren.
Die zu starke Betonung von weiblichen Zügen würde andererseits weniger Distanz ausdrücken, denn wie der Mensch aus seiner Geburt heraus eine Mutterbeziehung besitzt und sich die zum Vater erst aufbauen muss, so bewegen sich weibliche Gottesvorstellungen schnell in Richtung Pantheismus sowie zu Religionen derzen zentrales Moment die Fruchtbarkeit ist.
1.5.4. Wenn Gott die Liebe ist, wie kann er dann bestrafen?
Das Wort „Liebe” hat im allgemeinen Sprachgebrach ganz unterschiedliche Bedeutungen. So meint „lieb sein” heute eine Grundhaltung, die immer nett und freundlich ist, sich nie aus der Ruhe bringen lässt und die im Sinne von „harmlos” gebraucht wird, eher für „Langeweile” oder „Banalität” steht und dem Gegenteil des alten deutschen Wortes „Harm” (Schmerz, Schaden, Leid) kaum mehr entspricht. Doch ist Liebe letztlich langweilig? Führt sie dazu, dass man alles und jeden akzeptiert, sich alles „gefallen lässt”?
Die Vorstellung von Gott als Liebe, die dabei keineswegs harmlos ist, sondern im Urteil geradezu hart und unbarmherzigerscheinen kann, ist auf den ersten Blick schwer zu verstehen. Einleuchtender wird es, wenn man bedenkt, dass echte Liebe immer etwas mit Ehrlichkeit und Wahrheit zu tun hat, sie muss aufrichtig sein und in diesem Sinne auch gerecht.
Ein gerechter Gott behandelt nicht jeden auf die gleiche Weise, sondern auf die jeweils individuell passende; er wird dem Menschen den er liebt gerecht. Wer jemanden weder vor Fehltritten warnt, noch in seinen Fehlern korrigiert, wer alles geschehen lässt, zeigt bestenfalls mangelndes Interesse, Liebe aber sieht anders aus: sie ergreift Partei, sie kämpft für das Gute und gibt auch in schweren Zeiten nicht auf. Eines aber tut sie nie: sie zwingt nicht zur Gegenliebe, sie nimmt dem Geliebten nicht die Freiheit, selbst wenn er sich von ihr abwendet, denn dann wäre sie keine Liebe mehr sondern purer Egoismus.
Wenn nun der Herr aus Liebe um die Menschen kämpft, diese sich aber ihm nicht zuwenden, laufen sie in Ihr Verderben; sie entfernen sich von der Liebe, sie laufen weg. Den Schaden, den man leidet, wenn man sich an Götzen, Fetische bzw. seine eigenen kurzlebigen Bedürfnisse bindet statt sich für die Liebe Gottes frei zu machen, mag man als Strafe empfinden, als Leid welches aus der Konsequenz erwächst, sich vom Quell des Heiles abgewandt zu haben. Auf diese Weise erscheint der liebende Gott dann auch als strafender.
1.5.5. Wie kann man sich rational sinnvoll zu Gott äußern, bzw. ist seine Existenz beweisbar?
Unter Beweis versteht man die Herleitung des Wahrheitswertes einer Aussge aus definierten Prämissen nach formal-logischen Kriterien. Um die Existenz Gottes beweisen zu können, benötigt man also Prämissen, von denen ausgehend ein entsprechender logischer Schluss geführt werden kann.
Ob ein Gottesbeweis überzeugt hängt also einerseits von der Zustimmung zu den gewählten Prämissen ab und andererseits von der korrekten Herleitung. Ziel traditioneller Gottesbeweise ist es darum nicht immer, Gott als objektiv und unbestreitbar existierend aufzuweisen, sondern zu zeigen, dass eine Rede von Gott auf einischtigen und vernünftigen Kriterien fussen kann. Im Folgenden werden zwei klassische Ansätze skizziert:
Ontologischer Gottesbeweis
Anselm von Canterbury definiert den aufzuweisenden Gott als "quo nihil maius cogitari potest" (dasjenige, worüber hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden kann). Etwas vereinfacht zusammengefasst verläuft seine Argumentation dahingehend, dass in die Vorstellung dessen, worüber hinaus nichts größeres gedacht werden kann, auch seine reale Existenz mit gedacht werden muss, da die Vorstellung eines nur gedachten Größten weniger vollkommen ist, als die Vorstellung eines wirklich existierenden Größten.
Quinque viae (fünf Wege) des Thomas von Aquin
Auf fünf verschiedene Weisen wird hier versucht, aus der Erfahrung auf Gott zu schliessen:
- Die Erfahrung von Bewegung lässt auf einen ersten unbewegten Beweger schliessen.(Kosmologischer Gottesbeweis)
- Aus Ursache und Wirkung wird auf eine Erstursache geschlossen. (Kausaler Gottesbeweis)
- Da es Notwendigkeiten gibt, aber nichts erfahrbares notwendigerweise existiert, muss es ein Absolutes geben, welches Notwendigkeiten aus sich setzt. (Gottesbeweis aus Kontingenz)
- Unterschiedliche Vervollkommenheitsgrade des Erfahrbaren lassen durch Weiterführung auf etwas Vollkommenes schliessen. (Gestufter Gottesbeweis)
- Dass die Welt geordnet erscheint, lässt auf einen Ordnenden schliessen. (Teleologischer Gottesbeweis)
Ein völlig anderer Versuch sich rational zur Existenz Gottes zu äussern, wird als "Negative Theologie" bezeichnet. Hierunter versteht man den Ansatz, keine Definition Gottes abgeben zu können, weil Gott in jeder Hinsicht anders sei als man es aussprechen könne. Jedes Attribut, soweit es in unserer Vorstellung liegt, könne darum keine Beschreibung Gottes sein, sage darum aber zumindest aus, wie Gott nicht ist.
