
Ich bin gestern auf der Straße von einem Verkäufer angesprochen worden, der mir ein Gratisexemplar einer Tageszeitung schenken wollte. Unwillkürlich musste ich lächeln.
Wie kann man heute noch der Ansicht sein, Menschen würden das Medium einfach nicht kennen und wenn sie einmal diese große unhandliche Wand aus Papier im Bus entfalten, dann würden sie schon überzeugt werden, ihr Handy wegzulegen und Geld für das Druckerzeugnis auszugeben.
Ich sehe in diesem Vorgehen den verzweifelten Versuch, an längst überkommenen Strukturen festzuhalten, weil man einfach keine Idee mehr hat, Informationen gewinnbringend an den Mann zu bringen. Und das ist das eigentlich Seltsame.
Unternehmertum heißt Anpassung. Die Gesellschaft mit ihren Technologien ist einem steten Wandel unterworfen und wenn man glaubt, ein zeitloses Produkt zu haben, das sich lohnt, weiterzugeben, dann muss man genau daran anknüpfen:
- Hinterfragung des eigenen Produktes
Hat man tatsächlich etwas zur Hand, was anderen Menschen derart wichtig ist, dass sie einen dafür bezahlen, es zu erhalten? - Wie präsentiere ich das Produkt, damit es Aufmerksamkeit erhält und gekauft wird?
Zu 1: Bei Medien ist das Produkt die Information. Informationen stehen heute für jeden niederschwellig gratis zur Verfügung, und zwar in einem Ausmaß, das man sie allein zeitlich nicht alle sichten kann. Man braucht also etwas, um aus der Masse herauszuragen.
Neben speziellen Angeboten, die auf seltene Zielgruppen zugeschnitten sind und hohen Rechercheaufwand erfordern, könnte das angesichts einer Flut von billigen und reißerischen KI-Erzeugnissen, die uns überschwemmen, ein Dienst sein, der Trends nach Hintergrund und Quellen aufbereitet. Hier könnte sogar der Wunsch vieler Medienschaffenden, nach Redaktion wieder neuen Sinn erhalten: Medien als Filter, der neutral die Hintergründe aktueller Diskussionen offenlegt.
Zu 2: Einfache Texte, wie sie auch gedruckt erscheinen, das dürfte mittlerweile klar sein, reichen nicht mehr aus. Konsumenten wühlen sich nicht durch endlose Artikel, sie lesen keine Magazine, die von Personen zusammengestellt werden, die sie nicht kennen und denen sie nicht vertrauen. Eher setzt man sich an ein LLM, stellt eine direkte Frage und lässt die KI Informationen zusammentragen, die dann auch noch im Gespräch spezifiziert werden können. Wozu da noch einen Artikel lesen, fremden Gedankengängen folgen und dabei gefühlt 80% ungefragte und ungewollte Informationen mitlesen?
Die Aufbereitung muss heute so sein, dass sie nicht einfach durch KI-Bots erfasst und in Kurztexten komprimiert wiedergegeben werden kann. Das ist aufwändiger und löst den Verfasser endgültig aus dem Rahmen, der durch gedrucktes Papier vorgegeben ist, denn die Lösung liegt in der Interaktivität.
Das Internet hatte seit Beginn den Vorteil, mit Links fremden Inhalt zu referenzieren, ohne dass man ihn aufwändig in Archiven oder Bibliotheken suchen muss. Moderne KI-Systeme gehen hier noch einen Schritt weiter, indem sie auf Anfrage dynamisch und kontextbezogen Informationen suchen und bereitstellen. Vor diesem Hintergrund muss sich jedes Medium, das heute um Kunden wirbt, bewusst positionieren.
Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, durch sog. Infotainment-Elemente oder durch Gamification Informationen so aufzubereiten, dass man sie spielerisch vertiefen kann. Dabei spielt dann nicht nur die reine Information eine Rolle, sondern auch die Form, wie sie sinnlich erfahrbar gemacht wird und wie sie wiederholend vertieft werden kann. Ideen gibt es hier wie Sand am Meer, nur leider kenne ich kein ernstzunehmendes Medienhaus, welches die hier brachliegenden Möglichkeiten in den Blick genommen hätte. Lieber wird gejammert, statt mit der Form zu experimentieren, die mit Paywalls, Podcasts und Newslettern längst nicht erschöpft ist.
Genau diese Überlegungen haben wir zum Anlass genommen, selbst experimentell ein Format aufzubauen. So betreiben wir das Projekt „Medias in Res“ mit derzeit bereits über einem Dutzend Beiträgen zur IT-Sicherheit und zahlreichen weiteren Themen. Hier kann man sich bereits einen Überblick verschaffen: IT-Security als Steampunk-Festung

