
Es wird viel über Religion gesprochen, ganz besonders nach sogenannten „islamistischen Anschlägen“. Da wird dann gleich alles in einen Topf geworfen: Religionen seien Grund allen Übels, sie hätten Jahrhunderte des Krieges zu verantworten, Menschen würden durch ihre Religion aufgehetzt und vieles in der Richtung.
Gemeint sind dabei meistens die abrahamitischen Buchreligionen, Judentum, Islam und Christentum, wobei die Juden eine gesonderte Rolle spielen, denn Kritik an ihnen hat wenig mit ihrer Religion zu tun und sie stehen auch nicht im Verdacht, hierzulande als Überzeugungstäter, Terror auszuüben. Meist entladen sich Zorn und Aggressionen, die aus dem Gefühl einer Ohnmächtigkeit gegen Anschläge und Terror erwachsen, primär gegen den Islam. Schnell gesellen sich dann noch Stimmen dazu, die erklären, dass das Alte Testament der Christen auch nicht besser sei als Koran und Hadithen, Christen aber durch die Aufklärung gebändigt seien, was dem Islam halt noch bevorstehe.
So verständlich diese Ansichten sind, insbesondere wenn sie unter dem emotionalen Einfluss eines Terroranschlages entstehen, so muss man sich dennoch die Frage stellen, ob das nicht zu kurz gegriffen ist und ob das Ersetzen der Aggression aus religiöser Motivation heraus, eine weitere Aggression, nämlich die gegen eine Religionsgemeinschaft, die man in der Verantwortung sieht, rechtfertigt.
Ich möchte an dieser Stelle grundsätzlicher beginnen, nämlich nicht mit der Frage, ob eine konkrete Religion oder gar die Religion an sich ursächlich für die Gewalt von Menschen untereinander ist. Meines Erachtens liegt das Potential gewalttätig zu werden nämlich ganz grundsätzlich im Menschen und niemand kann sich per se davon freisprechen. Nur weil ich mich nicht zum Islam bekenne, bin ich nicht gleich friedfertig und wer sich zum Islam bekennt, ist darum auch nicht gleich ein Gewalttäter.
Die Aggression ist in uns Menschen grundgelegt und Teil unserer Biologie mit der wir, wie mit allen unseren Emotionen, umzugehen lernen, wenn wir uns in eine Gesellschaft mit anderen Menschen fügen. Sich zu keiner Religion zu bekennen, das hat die Geschichte ausreichend gezeigt, ist kein Garant für Frieden. Kriege werden aus Neid, Habgier, als „präventive“ Verteidigung und aus vielen anderen weltlichen Gründen geführt, oft ist es bloß hilfreich, wenn man dem Gegner zusätzlich den Stempel einer anderen Religion oder zumindest Konfession aufdrücken kann. Das verstärkt vielleicht noch einmal die Abgrenzung zum Gegner, ist aber nur in wenigen Fällen wirklich ausschlaggebend.
Bei Terror ist das ähnlich. Es sind nicht die Wohlsituierten und emotional Gefestigten, die eine Galaveranstaltung verlassen, um sich auf der Straße in die Luft zu sprengen, sondern meist Menschen mit vielen Problemen: Entwurzlung, Armut, soziale Isolation, etc. Solche Taten werden aus angestauter Wut oder aus der Hoffnung auf Besserung (nach dem Tod) heraus begangen, vielleicht auch, um dem Elend des eigenen Lebens zu entfliehen und ihm eine, zwar makabre, aber dennoch reale Aufmerksamkeit zu verleihen.
Welche Rolle spielt dabei nun die Religion?
Zunächst möchte ich ähnlich wie schon in Bezug auf die Aggressivität festhalten, dass auch die Religion zum Wesen des Menschen gehört. Ein Mensch ohne Religion ist für mich nicht vorstellbar. Dabei beziehe ich mich natürlich nicht auf die genannten Buchreligionen, sondern auf eine tieferliegende Ebene, die der Weltanschauung. Alles, was wir sehen, hören, erfassen und begreifen müssen wir kognitiv verarbeiten und in einen Zusammenhang bringen, der uns trägt. Landläufig nennen wir das „unsere Welt“, in der wir uns auskennen, zurechtfinden und wohlfühlen. Wir wissen, wie wir Dinge einzuordnen haben, was uns trägt und wo wir aufpassen müssen. Die Welt ist der „interpretierter Raum“, in dem wir uns bewegen, wo wir beheimatet sind.
Da sich diese Welt nicht nur objektiv auf direkte Erfahrungen gründet, sondern zum großen Teil auch auf das, was wir gelernt und vermittelt bekommen haben, bleiben immer auch Lücken für eigene Interpretationen, Spielraum für Ergänzungen, die wir schlicht plausibel finden, meist so lange bis wir etwas Plausibleres erfahren. Wir bauen ständig an unserer Welt, wir tauschen uns aus, suchen die Nähe zu Menschen mit ähnlicher Erfahrung und bauen gemeinsam an Weltbildern, an einem Gefüge, dass uns nicht nur alleine, sondern auch in Gemeinschaft trägt.
Und genau in solchen Weltanschauungen, die sich im Detail individuell entwickeln aber großen Zügen kulturelle Gemeinsamkeiten prägen, dort entsteht Religion. Insbesondere wo vom „Sein“ zum „Sollen“ gewechselt wird, wo man also aus der Beobachtung und aus Problemen, die man erfährt, Konzepte entwickelt und Unzulänglichkeiten zu lösen beginnt, dort entstehen Konzepte, die weit über das Funktionale hinaus greifen und moralische oder auch ästhetische Überlegungen beinhalten.
Als Menschen, die wir in Gemeinschaften aufwachsen, können wir oft gar nicht unterscheiden, was eigene Erfahrung ist und was wir über die gemeinsame Religion, die Kultur und den Austausch von Konzepten und Einsichten übernommen haben. Wir spüren, worauf wir stehen. Wir haben ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Intuition, aus der heraus wir Neues beurteilen und einordnen, einen festen Grund auf dem wir stehen und wo wir unsicher werden, wenn wir ihn verlassen.
Das geht oft so weit, dass wir, wenn andere diese unsere Religion, die „Gewissheit“ auf der wir stehen auch nur verbal in Frage stellen, stark emotional reagieren. Wer sehr naturverbunden ist, dem tut es körperlich weh, wenn jemand sagt, dass er sein Altöl ständig im Wald entsorgt. Ein Veganer hält es schwer aus, wenn man sagt, dass einem Tiere egal sind, wenn sie nicht als Braten auf dem Teller enden. Man kann unzählige Beispiele finden und jeder Mensch, der ehrlich in sich hinein horcht, wird wunde Punkte finden, Stellen, über die er nicht diskutiert, die für ihn tabu sind und von denen er ausgeht, dass sie jeder Mensch guten Willens zu teilen hat. Dort ist die eigene Religion verordnet.
Und von dort aus kann man in die Diskussion gehen. Man hat dann nämlich ein Verständnis dafür, was einem Menschen heilig ist und dass man das nicht einfach so hinwegfegen kann. Man erfährt sich selbst als religiösen, teils vielleicht auch noch immer aggressiven Menschen und man kann von dort aus Wege suchen, mit Menschen anderer Religion in einen fruchtbaren Austausch zu gelangen.
Das heißt natürlich nicht, dass jede Weltanschauung gleichwertig sei. Natürlich gibt es Religionen, die Gewalt besser kanalisieren als andere. Natürlich gibt es auch hier Defizite, die man ansprechen kann, allerdings tut man gut daran, so etwas mit Feingefühl anzugehen, immer in dem Bewusstsein, im Gegenüber etwas zu berühren, was ihm heilig ist und über das man nicht einfach so hinweggehen kann.
Die Kunst, in einem derart sensiblen Bereich Kritik anzubringen, auf Inkonsistenzen oder gar Defizite hinzuweisen, dürfte mit zum Schwierigsten gehören, was wir kommunikativ leisten können. Dass dies aus einer Gegnerschaft heraus gelingt, kann ich mir nicht vorstellen. Zum Erfolg kann der Weg letztlich nur durch Verständnis und echte Freundschaft führen.













Bildquelle: Michael Gaida