Gerade in einer moralisch und emotional aufgeladenen Zeit wie der unsrigen ist es nicht ganz ungefährlich, eine solche Aussage zu tätigen. Und wenn ich es genau nehme, ist sie zudem auch nicht ganz ehrlich, denn „interessieren“ tun mich die viel beschworenen Werte durchaus, nur halt nicht im Sinne einer Zustimmung, sondern aus einer tief empfundenen Ablehnung heraus. Und ja, ich muss auch zugeben, dass man mich hier der Hassrede bezichtigen könnte, denn auch wenn ich Position und Menschen durchaus zu unterscheiden weiß, so lehne ich das moderne von diesem Staat getragene Wertesystem aus vollem Herzen und wie ich denke auch aus gerechtem Zorn heraus, rundweg ab. Uns wird mit einer Perversion christlicher Moral und Anthropologie im Brustton moralischer Überlegenheit die Luft abgeschnürt und man kann im Dienste der Menschheit hier nicht deutlich genug widersprechen.

Wir alle kennen den moralischen Zeigefinger, der uns von Politikern, Journalisten, Künstlern und vielen Menschen mit öffentlicher Reichweite entgegengehalten wird. Als Bürger seien wir faul, rassistisch, intolerant und für ein Leben nach den ständig wechselnden Anforderungen der modernen Wertegemeinschaft nicht bereit. Pauschal wird Millionen von Menschen die nötige Reife zur Demokratie abgesprochen, weshalb auf allen Kanälen staatliche Erziehungsprogramme laufen, Unsummen von Geld für Überwachungs- und Bespitzelungssysteme ausgegeben werden – alles aus der Überzeugung moralischer Überlegenheit, die der einfältigen Bevölkerung einfach nicht zu vermitteln zu sein scheint.

Was die Vertreter dieser angesagten Kultur der Offenheit und Toleranz, wie sie sich selbst gern bezeichnen, als richtig empfinden, ist nicht zu hinterfragen. Ihre Lehre ist Konsens von vornherein und natürliches Ergebnis jeder redlichen vernünftigen Reflexion. Wer bei klarem Verstand ist, sieht das ein. Wer es nicht einsieht, ist entweder ein schlechter Mensch, oder einfach nur dumm.

Was aber, wenn man den Spieß einmal herumdreht? Gestehen wir Menschen aus einer anderen Sozialisation einfach einmal zu, dass sie ein völlig anderes Wertesystem besitzen, von dem sie zu völlig konträren Verhaltensweisen und Normen kommen. Gehen wir ferner davon aus, dass diese Menschen ebenso überzeugt von ihrer Moral sind und sie den in Deutschland breit propagierten Lebensentwurf rundweg ablehnen, ihn gar für moralisch verwerflich oder wie man früher sagte, für „Böse“ halten. Um sich solche Menschen vorzustellen, müssen wir nicht weit gehen. Es reicht, wenn wir auf die Fußballplätze dieser WM sehen und feststellen, dort gibt es Muslime und Christen, die ihre Religion nicht privat im Kämmerchen ausleben, sondern in gleicher Weise nach außen tragen, wie eine LGBTQ-Community ihre Veranlagung.  

Während die westlichen Länder mit Fifa und weiteren Institutionen alles unterstützen, was der modernen Event-Kultur entspricht, mit Regenbogenfahnen oder Armbändern und vergleichbaren Symbolen, hat es eine Weltmeisterschaft aber so an sich, dass auch Menschen aus anderen Kulturkreisen ihren Auftritt bekommen. So treffen marokkanische, saudische oder südamerikanische Spieler mit nordamerikanischen oder europäischen zusammen und natürlich sieht man nach einem Tor auch mal ein Kreuzzeichen, einen Kniefall oder islamische Äquivalente. Besonders kontrovers diskutiert man das nun hierzulande, nachdem man sich eine Nationalmannschaft aus Spielern der ganzen Welt zusammengekauft hat und nun überraschend feststellt, dass man es bei Antonio Rüdiger mit einem überzeugten Muslim und bei Felix Nmecha mit einem gläubigen Christen zu tun hat.

Hier zeigt sich die Naivität einer primär kosmetischen Diversität: Man wollte die sportliche Leistung und die bunte Optik, ist jetzt aber völlig überfordert, weil die Spieler tatsächlich eine tief verwurzelte, nicht säkulare Identität mit sich bringen, die sich nicht einfach für eine PR-Kampagne weglächeln lässt. Doch graben wir hier ruhig ein wenig tiefer. Es offenbart sich nämlich nicht allein die Ignoranz gegenüber der Religion und Weltanschauung anderer, man erkennt auch deutlich, wie sehr es sich bei der immer wieder als säkular und wissenschaftlich dargestellten westlich-modernen Weltanschauung letztlich um ein religiöses System handelt.

Während man den Spielern vorwirft, den Sport zu ideologisieren, merkt man nicht, wie sehr man das Stadion selbst längst zu einem Tempel der eigenen Religion umgebaut hat. Dabei darf man den Begriff der Religion nicht zu eng fassen. Die Buchreligionen (Judentum, Christentum und Islam) haben diesen Begriff nicht für sich gepachtet und im strengeren Sinne braucht man auch keine Gottheit um eine Religion zu vertreten. Es reicht völlig aus, wenn man ein allgemeines Strukturprinzip als Urgrund annimmt. Wenn man dieses zudem noch personalisiert, wie es beispielsweise häufig in Bezug auf die Natur geschieht, dann ist es mit dem säkularen Ansatz auch offiziell vorbei.

Was wir als säkulare und wissenschaftlich untermauerte Staatsreligion mittlerweile verinnerlicht haben, kann man mit Fug und Recht einen neuen Volksglauben nennen. So liegt die Vorstellung der Natur (oder auch Gaia) als Wesen, dem man Schaden antun kann, das sich wehrt und mit dem man interagiert fernab jeglicher Empirie. Wie folgerichtig bei uns, analog zu den klassischen Naturreligionen, beobachtet werden kann, wird von der Umwelt mit ihren verschiedenen Ausprägungen als beseelter Natur ganz intuitiv eine Brücke zu weiteren Gottheiten geschlagen, bis hin zur Verehrung einer Urmutter mit Sexual- und Fruchtbarkeitskulten. Dass wir trotz unseres enormen öffentlichen Fokus auf Erotik und Sexualität verhältnismäßig unfruchtbar sind, ist dabei kein Gegenargument, denn die religiöse Übersteigerung des Eros genügt sich durchaus in der Symbolik.

Dass sich dieser moderne Animismus mit seiner Ersatz-Liturgie eines neuen Fruchtbarkeitskultes von der Wurzel her mit allen Ausprägungen diametral entgegengesetzt zu Islam und Christentum verhält, braucht wohl nicht im Detail ausgeführt zu werden. Auch wenn viel mit übernommenen Worthülsen aus christlicher Tradition gearbeitet wird, wenn von Toleranz, Liebe, Ehe und Familie oder gar von Menschenrechten gesprochen wird, ist es längst klar, dass sich die neue Lehre aus ihren christlichen Ursprüngen gelöst und inhaltlich ins Gegenteil gekehrt hat. Im Grunde erleben wir einen Kulturkampf wie in der Antike, aber mit umgekehrten Vorzeichen.

Es ist die uralte Kraft einer urwüchsigen, alles verschlingenden Natur, die sich anschickt, die Errungenschaften der großen monotheistisch geprägten Zeiten zu Fall zu bringen. Wo die Klarheit der Philosophie auf den historischen Blick einer Väterreligion traf, gepaart mit einer Mystik die eine Perspektive über den Tod hinaus erlaubte, wo die Grundlagen für unseren technischen Komfort, die unvorstellbare medizinische Versorgung bis hin zum buchstäblichen Griff nach den Sternen geschaffen wurden, dort rankt sich nun ein parasitäres Schlinggewächs, um die letzten Ruinen zu überwuchern, und aus den Resten einer Kultur, die sie nicht im Ansatz versteht, wieder zurück zur Natur zu gelangen. Vom Logos zurück zum Mythos.

Doch diesen Kampf hat es schon einmal gegeben. Im alten Rom begann das Christentum als verspottete Minderheit in Hauskirchen und ging doch schließlich siegreich aus dem Ringen mit dem Imperium hervor. Und auch wenn Christen heute auf ausweglosem Posten stehen, wie man meinen möchte, wenn man die aktuellen Nachrichten verfolgt, so merkt man nicht zuletzt auf den Fußballplätzen einer WM, die scheinbar fest in der Hand der Zerstörer liegt, dass es durchaus noch sichtbaren Widerstand gibt.

Doch den gibt es nicht mit sanften Worten, sondern nur mit einem klaren Bekenntnis: Bekennen wir uns zum Wert des Menschen, der nicht bloß eine Fehlentwicklung innerhalb der großen und alles überbietenden Natur ist, sondern ein von seinem Schöpfer gewollt und geliebtes Ebenbild seiner selbst. Nennen wir die Scheinmoral, die sich allerorts ausbreitet, beim Namen. Entlarven wir die zerstörerische Unmoral, die menschliche Kreativität und Schaffenskraft mit allen Mitteln einem ins Leere laufenden Sexualgötzen opfert. Unterstützen wir Menschen, ihre Persönlichkeit zu entfalten, damit sie zu freien, reifen und aufrecht liebenden Kinder Gottes werden.